Mallorca ist mehr als Badeziel: Im Nordwesten der Insel türmt sich mit der Serra de Tramuntana ein Gebirgszug über gut hundert Kilometer auf, dessen Passstraßen mit alpinen Klassikern mithalten und dabei den entscheidenden Vorteil bieten, ganzjährig befahrbar zu bleiben. Wer die berüchtigte Kehrenrampe nach Sa Calobra und die Klippenstraße zum Cap Formentor im Programm hat, holt aus einem verlängerten Wochenende mehr Kurven heraus als aus mancher großen Alpentour — vorausgesetzt, man kennt die richtigen Uhrzeiten.
Die MA-10: Rückgrat der Serra de Tramuntana
Die Landstraße MA-10 zieht sich vom Städtchen Andratx im Südwesten bis nach Pollença im Nordosten durch das gesamte Gebirge und ist die Achse jeder Motorradrunde auf der Insel. Sie verbindet die Küstenorte Estellencs, Banyalbufar, Valldemossa und Deià mit dem Talkessel von Sóller und führt weiter am Stausee-Duo Cúber und Gorg Blau vorbei bis zum Kloster Lluc. Der Belag ist überwiegend gut, die Kurvenradien wechseln ständig, und der Höhenunterschied zwischen Meeresspiegel und den Sätteln unter dem Puig Major sorgt für lange, konzentrierte Fahrabschnitte statt kurzer Kehrenhäppchen. Die 2011 zur UNESCO-Kulturlandschaft erklärte Terrassenlandschaft aus Trockenmauern und Olivenhainen liefert die Kulisse — das eigentliche Argument bleibt die Streckenführung.
Coll de Sóller: die alte Passstraße gegen den Tunnel
Vor Eröffnung des Túnel de Sóller im Jahr 1997 war der Coll de Sóller die einzige Straßenverbindung zwischen Palma und dem abgeschotteten Talkessel — entsprechend eng gestaffelt reihen sich die Kehren auf beiden Rampen. Seit die Tunnelmaut 2017 abgeschafft wurde, nimmt der Durchgangsverkehr die schnelle Röhre, und die alte Passstraße gehört über weite Strecken den Rad- und Motorradfahrern. Für Reisende heißt das: Wer den Tunnel meidet, tauscht zehn Minuten Zeitersparnis gegen eine der saubersten Kehrenübungen der Insel bei überschaubarem Gegenverkehr. Vom Talkessel lohnt der Abstecher hinunter zum Port de Sóller, den eine historische Straßenbahn mit der Stadt verbindet.
Sa Calobra und der Nus de sa Corbata
Die Stichstraße MA-2141 hinunter nach Sa Calobra ist die meistfotografierte Straße Mallorcas und das Herzstück jeder Tourenplanung. Vom Coll dels Reis fällt sie in rund zwölf Kilometern bis auf Meereshöhe an die Mündung des Torrent de Pareis ab, ohne dass das Gefälle je nachlässt. Ihr Signaturstück ist der Nus de sa Corbata, der „Krawattenknoten": eine Kehre, die in einer vollen 360-Grad-Schleife unter der eigenen Fahrbahn hindurchführt — ein Kunstgriff des Ingenieurs Antonio Parietti, der die Trasse in den 1930er-Jahren anlegte. Weil es sich um eine Sackgasse handelt, muss dieselbe Rampe anschließend wieder hinaufgefahren werden — die Straße zählt also doppelt.
Genau hier liegt der Haken: Sa Calobra ist ein Massenziel. Reisebusse, Mietwagen und dichte Radlerpulks füllen die schmale, teils nur knapp fahrzeugbreite Fahrbahn, und an Engstellen mit Gegenverkehr steht der Verkehr regelmäßig. Wer die Strecke fahren statt sich durchstauen will, startet früh — idealerweise mit dem ersten Tageslicht, bevor die Busse aus Port de Sóller und Pollença anrollen. In der Hochsaison sowie bei Steinschlag- oder Unwettergefahr wird die Zufahrt zeitweise gesperrt; die aktuelle Lage vor der Anfahrt zu prüfen, erspart die vergebliche Rampe.
Cap Formentor: Klippenstraße zum Leuchtturm
Am äußersten Nordzipfel der Insel führt die MA-2210 von Port de Pollença über den Bergrücken der Formentor-Halbinsel bis zum Far de Formentor, dem Leuchtturm an der Spitze. Der erste Aussichtspunkt, der Mirador des Colomer, gibt den Blick auf die vorgelagerten Felsnadeln und die Steilküste frei; dahinter verläuft die Straße in engen Kurven über kargen Fels weiter Richtung Leuchtturm. Auch diese Trasse geht auf Antonio Parietti zurück. Wichtig für die Planung: In den Sommermonaten ist die Halbinsel tagsüber für den privaten Kfz-Verkehr gesperrt und nur per Shuttlebus erreichbar. Die Regelung ändert sich saisonal, weshalb sich ein Blick auf die aktuellen Sperrzeiten lohnt, bevor man die Anfahrt fest einplant.
Unter dem Puig Major: Cúber und Gorg Blau
Mit 1.445 Metern ist der Puig Major der höchste Berg Mallorcas; sein Gipfel trägt eine militärische Radarstation und ist gesperrt. Die MA-10 quert an seinem Fuß die beiden Trinkwasser-Stauseen Cúber und Gorg Blau — ein Hochtal-Abschnitt mit weiten Kurven, offenem Blick auf das Massiv und spürbar kühlerer Luft als an der Küste. Ein kurzer Tunnel unterhalb des Gipfels markiert den höchsten Punkt der Durchgangsstraße. Wer aus dem warmen Süden hochkommt, spürt hier den Temperatursturz — im Winter kann der Abschnitt nass und an einzelnen Tagen sogar von Schnee betroffen sein.
Lluc, Valldemossa und Deià: Halte mit Substanz
Das Kloster Lluc (Santuari de Lluc) liegt zentral im Gebirge an einer Abzweigung der MA-10 und ist der klassische Sammelpunkt für Tourengruppen — mit großem Parkplatz, Einkehr und der bedeutendsten Wallfahrtsstätte der Insel. Valldemossa im Westen ist über seine Kartause bekannt, in der Frédéric Chopin und George Sand den Winter 1838/39 verbrachten; der Ort füllt sich tagsüber mit Reisebussen, lohnt aber in den Randstunden. Deià, zwischen Valldemossa und Sóller an die Steilküste gebaut, war lange Wohnsitz des Schriftstellers Robert Graves — und einer der wenigen Orte, an denen sich ein Fotostopp fahrtechnisch tatsächlich anbietet, weil die MA-10 davor und dahinter zu den schönsten Küstenabschnitten der ganzen Strecke zählt.
Ostküste, Süden und die Ebene Es Pla
Jenseits der Tramuntana wird Mallorca flacher, aber nicht uninteressant. Die Ostküste zwischen Artà und den Buchten um Portocolom bietet kurvige Nebenstraßen durch Pinienwald und Steineichen, deutlich ruhiger als der Gebirgszug. Ganz im Süden markiert das Cap de Ses Salines den südlichsten Punkt der Insel — die Anfahrt durch flaches, von Trockenmauern durchzogenes Land ist landschaftlich karg, aber verkehrsarm. Dazwischen liegt die zentrale Ebene Es Pla mit Weinbauorten wie Binissalem; sie eignet sich als schnelle Verbindungsetappe und als Ausweichrevier an Tagen, an denen sich der Verkehr in den Bergen staut. Wer die Insel umrundet, kombiniert die Ebene sinnvoll mit dem Gebirge, statt zweimal dieselbe MA-10 zu fahren.
Wintersaison und Trainingslager-Klima
Der große Vorteil gegenüber den Alpen: Die Passstraßen der Tramuntana sind ganzjährig offen. Von November bis März bleibt das Küstenklima mild, weshalb die Insel als Trainingsrevier für Rennrad-Profis bekannt ist — dieselbe Witterung macht sie zum Winterziel für Motorradfahrer, die der geschlossenen Alpen-Saison entkommen wollen. Realistisch bleibt: In den Bergen ist es kühler und feuchter als am Strand, Vormittage können frisch und die Fahrbahn nach Regen lange nass sein. Die verlässlichste Fahrsaison liegt in Frühjahr und Herbst, wenn die Temperaturen stimmen und der Massentourismus des Hochsommers die engen Bergstraßen noch nicht verstopft.
Anreise: eigenes Motorrad oder Mietmaschine
Zwei Wege führen aufs Revier. Wer die eigene Maschine mitnehmen will, verschifft sie per Fähre ab dem spanischen Festland — Barcelona, Valencia und Dénia haben regelmäßige Verbindungen nach Palma und Port d'Alcúdia, das Motorrad reist als Fahrzeug an Bord mit. Das lohnt vor allem bei längeren Aufenthalten und für Fahrer, die auf ihr gewohntes Setup nicht verzichten wollen. Die unkompliziertere Variante ist die Mietmaschine vor Ort: In Palma und den Touristenzentren gibt es auf Motorräder spezialisierte Vermieter, was An- und Rückreise auf einen Flug mit Gepäck reduziert. Für ein verlängertes Wochenende auf der Tramuntana ist die Mietlösung meist die effizientere Wahl; für die große Rundreise mit Inselwechsel spielt die eigene Maschine ihren Vorteil aus.